Ursprung
Die Aufstellung des Eurokorps kann als das Ergebnis des am 22. Januar 1963 vom französischen Staatspräsidenten General de Gaulle und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichneten Elysée Vertrages betrachtet werden. In diesem Vertrag, der auf die Vertiefung der deutsch-französischen Beziehungen abzielte, verpflichteten sich beide Länder zur Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung. Abgesehen von engeren politischen Beziehungen planten die beiden Länder ein Personalaustauschprogramm zwischen ihren Armeen und die Zusammenarbeit im Bereich der Rüstungsindustrie.
1987 beschlossen Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl die militärische Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland zu intensivieren: Sie kündigten die Einrichtung eines deutsch-französischen Sicherheits- und Verteidigungsrates, welcher grünes Licht gab für die Aufstellung der Deutsch-Französischen Brigade, die seit 1991 einsatzbereit ist.
Am 14. Oktober 1991 informierten die beiden Staats- und Regierungschefs den Vorsitzenden des Europarates in einem gemeinsamen Schreiben über ihre Absicht diese militärische Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Damit legten sie den Grundstein für ein europäisches Korps, mit Beteiligungsmöglichkeit für andere Mitglieder der Westeuropäische Union (WEU). Anlässlich des Gipfels in La Rochelle am 22. Mai 1992 beschlossen François Mitterrand und Helmut Kohl offiziell die Aufstellung des Eurokorps und nahmen zeitgleich den gemeinsamen Bericht des französischen und des deutschen Verteidigungsministers an. Bereits am 1. Juli, nur wenige Wochen später, richtete sich ein Aufstellungsstab in Straßburg ein, dessen Ziel die Aufstellung des Eurokorps war.
Auftrag und Verbindungen
Entsprechend der Petersberg-Erklärung vom 19. Juni 1992 kommt der Westeuropäischen Union (WEU) die Rolle einer EU Verteidigungskomponente (Petersbergaufgaben) zu. Auf Grund dieser Ausrichtung haben die Mitgliedstaaten des Eurokorps am 19. Mai 1993 in Rom beschlossen, das Eurokorps der WEU zur Verfügung zu stellen.
Am 21. Januar 1993 wurden im SACEUR-Abkommen die Bedingungen für einen Einsatz des Eurokorps im NATO-Rahmen festgelegt.
In diesem Abkommen finden sich Ausführungen über:
- die Aufträge des Eurokorps im NATO-Rahmen,
- die Kompetenzen bezüglich der Einsatzplanung,
- die Unterstellung des Eurokorps unter eine NATO-Kommandobehörde,
Verantwortlichkeiten und Verbindung zwischen dem NATO-Oberbefehlshaber und dem Kommandierenden General Eurokorps in Friedenszeiten.
Ein voller Erfolg
Die deutsch-französiche Initiative weckte schnell das Interesse anderer Länder, insbesondere das Belgiens. Durch die Integration belgischer Kräfte in das Korps beteiligte sich das Land an der Schaffung einer Europäischen Verteidigungs- und Sicherheitsidentität, unter Beibehaltung seiner Rolle in der NATO. Der Beitritt Belgiens wurde am 25. Juni 1993 von der belgischen Regierung gebilligt.
Am 01. Oktober 1993 wurde das Eurokorps offiziell in Dienst gestellt und Generalleutnant Helmut Willmann wurde sein erster Kommandierender General. Die offizielle Zeremonie fand am 5. November 1995 in Straßburg statt, im Beisein der Verteidigungsminister der drei beteiligten Staaten (Deutschland, Frankreich, Belgien).
Spanien stieß am 01. Juli 1994 offiziell zum Eurokorps.
Am 14. Juli 1994, dem französischen Nationalfeiertag, der auf den Sturm auf die Bastille zurückgeht, waren Eurokorps-Soldaten mit in der Parade auf den Champs Elysées. Dies war ein symbolisches Ereignis für das Eurokorps und für die Geschichte Europas.
Luxemburg schloss sich am 07. Mai 1996 offiziell dem Eurokorps an.
Übungen und Einsätze
Ab 1993 beteiligte sich das Eurokorps an zahlreichen Übungen mit dem Ziel der Verbesserung seiner operativen Fähigkeiten.
Der erste reale Einsatz des Eurokorps begann 1998: Rund 470 Angehörige des HQ Eurokorps verließen in 4 aufeinanderfolgenden Kontingenten Straßburg in Richtung Bosnien-Herzegowina, als Verstärkung für das HQ SFOR. Die Eurokorpssoldaten machten etwa 37% der Kräfte des Hauptquartiers aus.
Am 28. Januar 2000, weniger als zwei Jahre später, beschloss der NATO-Rat, dass das HQ Eurokorps den Kern des HQ KFOR im Kosovo stellen solle. Von März bis Oktober 2000 bildeten die rund 350 Soldaten des Eurokorps den Kern der Hauptquartiere KFOR III in Pristina und Skopje. Das Ende des KFOR III Einsatzes wurde im Rahmen einer offiziellen Zeremonie am 17. Oktober 2000 in Straßburg feierlich begangen. Die Verteidigungsminister der Mitgliedsstaten oder deren Vertreter, Dr. Kouchner - Sonderbeauftragter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen im Kosovo - sowie Amtsträger der zivilen und militärischen Behörden Straßburgs wohnten dieser Veranstaltung bei. Ein Jahr später überprüfte das HQ Eurokorps seine neu eingenommene Struktur im Rahmen der Übung „Cobra 01“ im Süden Spaniens. Verschiedene politische und militärische Einrichtungen verfolgten die Übung mit großem Interesse.
Die Umstrukturierung des Eurokorps
In der Zwischenzeit waren wichtige Entscheidungen gefallen im Hinblick auf die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Diese Entscheidungen hatten verschiedene Auswirkungen auf die Rolle und die Struktur des Eurokorps. Am 29. Mai 1999, während des deutsch-französischen Gipfels in Toulouse, schlugen Frankreich und Deutschland vor, der EU das Eurokorps als Eingreifverband für Krisenfälle zur Verfügung zu stellen.
Dieser Vorschlag wurde den anderen Mitgliedsstaaten unterbreitet und von diesen angenommen. Beim Gipfel von Köln am 3. und 4. Juni 1999 wurde der EU dieser Vorschlag offiziell gemacht. Während dieses Gipfels beschloss die Europäische Union auch, ihre Fähigkeiten zur Intervention zu verbessern und Eingreifkräfte bereitzustellen für den Krisenfall. Diese Entscheidung wurde bekräftigt und weiterentwickelt während des EU Gipfels in Helsinki im Dezember 1999.
Im November legten die Mitgliedsstaaten des Eurokorps in Luxemburg die Umgliederungsmodalitäten fest, um aus diesem multinationalen Großverband ein Krisenreaktionskorps für die EU und die NATO zu machen. Die Vorbereitung dieses Transformationsprozesses begann am 5. Juni 2001 und dauerte lange. Bereits im April 2001 schlugen die Mitgliedsstaaten das Hauptquartier jedoch als verlegbaren Verband mit hohem Bereitschaftsgrad vor.
2002 evaluierte die NATO die allgemeinen und die operativen Fähigkeiten des HQs in mehreren Schritten. Die Übung „Common Effort“ war ein wichtiger Teil dieses Prozesses, bei dessen Abschluss das HQ die Zertifizierung als Krisenreaktionskorps erhielt
Die Öffnung des Eurokorps
Ein Kriterium für die Zertifizierung als Führungsstab eines Verbandes mit hohem Bereitschaftsgrad (Landstreitkräfte) war die Öffnung des Eurokorps für alle NATO-Mitgliedstaaten. Spanien, das zu dieser Zeit den Vorsitz im Gemeinsamen Komittee inne hatte, lud sowohl die NATO-Mitgliedstaaten als auch die Mitgliedsländer der Europäischen Union ein, Personal oder einen Verbindungsoffizier zum Hauptquartier des Eurokorps zu entsenden. Aus diesem Grunde unterzeichneten die Trägerstaaten des Eurokorps am 3. September 2002 ein neues technisches Übereinkommen mit dem Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR). Die NATO-Mitgliedstaaten Griechenland (03.09.2002), Polen (07.01.2003) und Türkei (03.09.2002) integrierten Personal in den Stab des HQ Eurokorps. Am 25. Februar 2003 wurde eine technische Vereinbarung mit dem europäischen Mitgliedstaat Österreich unterzeichnet. Im Anschluss erfolgte die sofortige Entsendung eines österreichischen Offiziers zum Stabspersonal.
Unter NATO-Flagge
Anfang 2004 wurde das HQ Eurokorps vom Nordatlantischen Rat mit der Führung des NATO-Einsatzes ISAF in Afghanistan beauftragt. Von August 2004 bis Februar 2005 bildeten ca. 450 Eurokorpssoldaten den Kern des HQ ISAF in Kabul und übernahmen dabei die Verantwortung für einen bedeutsamen Schritt im Rahmen des Wiederaufbau- und Entwicklungsprozesses in Afghanistan. Das sechste ISAF-Mandat wurde somit einem europäischen Stab, einem Prototyp einer potenziellen europäischen Verteidigung, übertragen. 8000 Soldaten (Stand 17. Jan. 2005) aus 36 Ländern und aus allen Teilstreitkräften waren an ISAF beteiligt. Am 16. März 2005 wurde in Straßburg das Ende des Auftrages ISAF VI mit einem militärischen Zeremoniell gewürdigt.
In der Zwischenzeit hatte der Nordatlantische Rat bereits das HQ Eurokorps für die Führung der Landstreitkräftekomponente der Eingreiftruppe NATO Response Force 7 (NRF7) vom 1. Juli 2006 bis 31. Dezember 2006 auserkoren. Eine intensive Ausbildungs- und Vorbereitungsphase führte das HQ Eurokorps u.a. auf die Truppenübungsplätze Bitche (Frankreich) und Wildflecken (Deutschland). Im Juni 2006 stand dann der Test der Einsatzfähigkeit in Form der NATO-Übung "Steadfast Jaguar" auf den Kapverdischen Inseln im Atlantik auf dem Programm. An diese erfolgreich absolvierte Bewährungsprobe schloss sich eine sechsmonatige Bereitschaftsphase an.





